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Wermelskirchen
Artikel vom:
11.09.2008
Selbshilfegruppe für Asperger Autismus
Von Andreas Weber
Einmal im Monat wollen sie sich in Hilgen auf Augenhöhe austauschen und kein Kopfschütteln für ihre Sorgen ernten. "Hier werde ich endlich mal verstanden", meinte eine Mutter erleichtert zu Ute Gagaridis.
Die Buchhändlerin aus Wermelskirchen ist die Initiatorin einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Kindern, die an Asperger-Autismus leiden.
Sechs hatten sich entschuldigt, wollen aber beim zweiten Mal dabei sein. Immerhin 14 Mütter und Väter folgten Dienstagabend dem Aufruf. Sie kamen aus Kürten, Burscheid, Leichlingen, Odenthal, Wermelskirchen, Köln und Schwelm. Sie eint der schwere Weg, der hinter ihnen liegt. Für viele glich er einer Odyssee. Wie bei Ute Gagaridis. Auch bei ihrem Sohn, heute 17, kam die Diagnose sehr spät.
Auffälligkeiten zeigten sich bei Manuel von Geburt an. Er schrie viel in den ersten beiden Jahren, erst mit vier kamen Worte über seine Lippe. Er war ein Junge, der sich stundenlang unter seiner Bettdecke verkroch, in seine Welt zurückzog. Asperger-Autisten sind kontakt- und kommunikationsgestört. Sie nehmen selektiv wahr, leben isoliert in ihrem Refugium, erkennen Zusammenhänge nicht. Zwanglose Beziehungen fallen ihnen schwer. Besonders zu Fremden.
So auch bei Manuel. Im Kindergarten ließ er sich nicht anfassen, weigerte sich Schuhe zu tragen, reagierte oft aggressiv. Auch daheim schmiss er Teller an die Wand, biss, kratzte, schlug und reagierte sich an der Hauskatze ab. "Wenn er sich im Straßenverkehr überfordert fühlte, flogen auch mal Steine auf Autos", erinnert sich seine Mutter.
Wer an Asperger leidet, braucht Ordnung in seinem Leben. Bei Unvorhergesehenem tritt schnell Überforderung ein. Immer wieder kehrende Strukturen müssen ganz behutsam erarbeitet, selbst simple Tagesabläufe mühsam verinnerlicht werden. Bis er 15 Jahre alt war, konnte sich Manuel nicht alleine anziehen.
Bis heute kennen viele Mediziner diese Krankheit nicht. So tappten auch Manuels Eltern lange im Dunkeln, rannten verzweifelt von Praxis zu Praxis. Schizophrenie, Epilepsie, Depression wurden wechselweise vermutet. Zuvorderst hatten die Ärzte an ADSH, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom gedacht. Erst mit elf Jahren wurde Manuel in der Rheinischen Landesklinik Bonn richtig eingestuft.
"Wir haben viele Probleme und Schwierigkeiten durchlitten, teilweise massiv dafür kämpfen müssen, dass er eine normale Schullaufbahn einschlagen konnte." Manuels Intelligenz ist, wie bei vielen Asperger-Patienten, überproportional gut. Jedoch nur in bestimmten Gebieten. Die "Insel-Begabung" bei Ute Gagaridis Sohn liegt in den Naturwissenschaften, speziell in der Aquaristik (Wasssertiere und -pflanzen).
Bis zur 10. Klasse besuchte er ein Gymnasium in Leverkusen, wechselte danach an die Stockhauser Straße. Nach einem Jahr ging Manuel diesen Sommer nach der Stufe 11 wieder vom hiesigen Gymnasium ab. "Gescheitert am starren Schulsystem", sagt Ute Gagaridis. An den Noten lag es nicht. Der Schnitt von 2,9 war ordentlich. "Bei Schulleiterin Elke Bergmeister sind wir auf sehr viel Verständnis gestoßen, das sich aber nicht auf alle seine Lehrer übertrug."
Rücksichtnahme auf die Symptome des Asperger Autismus hätte es im Endeffekt kaum gegeben. "Man sieht es ihm nicht an, so schlimm kann es doch nicht sein" "Man sieht es ihm nicht an, so schlimm kann es doch nicht sein", war eine Resonanz, die Gagaridis öfters von Pädagogen zu hören bekam. Manuels Eltern glaubten nicht, dass er dem wachsenden Abi-Druck standgehalten hätte. Asperger Autisten benötigen wesentlich mehr Ruhephasen benötigt als andere. Und so schaltete Manuel beim Unterricht auch schon mal mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend ab.
Mittlerweile ist er in einer berufsbildenden Maßnahme in Köln. Salo West heißt die Gesellschaft, die Hörgeschädigte und Autisten in Kleingruppen an einen Ausbildungsberuf heranführt. "Manuel wird seinen Weg gehen", ist seine Mutter überzeugt. Auch daheim in Neuenhaus läuft es besser. Manuel hat seine Freunde. "Nur spontane Treffen sind noch nicht möglich."
Die Resonanz beim ersten Elterntreffen bestärkt Ute Gagaridis, dass auch sie nicht alleine steht, Manuels Geschichte typisch ist. Nicht nur aufgrund seines Geschlechts. Die Tatsache, dass alle Betroffene in der Elterngruppe Söhne haben, korrespondiert mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Mädchen leiden wesentlich seltener an Asperger Autismus. Ute Gagaridis will sich über die Initiative nicht nur austauschen, sondern Problemlösungen suchen, Fachreferenten einladen, Öffentlichkeit herstellen, in Kindergärten und Schulen aufklären.
Die Elterngruppe "Asperger Autismus" trifft sich ab sofort jeden 1. Dienstag im Monat (19.30 bis 21 Uhr), Friedrich-Wilhelm-Raiffeisenplatz 4 in Burscheid-Hilgen (über der Praxis von Allgemeinmediziner Dr. Helmut Müller).
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